Willkommen zur Ausstellung Hand2Mouth!

Die COVID-19 Pandemie hat zu einer erhöhten

Sensibilität und Aufmerksamkeit dafür geführt,

was es bedeutet, sein Leben auf dem Niveau

der Grundsicherung zu bestreiten. Eine ›Rand-

gruppenerfahrung‹ ist plötzlich zur (drohenden)

Lebenswirklichkeit vieler geworden.

Wir nutzen die Gunst der Stunde und öffnen

unsere Herzen und unsere Geldbeutel: Lasst

uns über Armut sprechen!

 

  • (Der Rücken)

  • Das Körpermaß, der Umfang, die Größe, das Vermögen und in der Presse bezeugt: "Ich hatte zwei Band-scheibenvorfälle. Auf dem Stuhl habe ich eine Sitzhilfe, damit der Körper lockerer ist.“

  • Der Gang zum Arzt ein abwägendes ‚Kann ich?‘, ‚Darf ich?‘, ‚Soll ich?‘. Sie wägt jeden Tag ab, an dem sie nicht mehr kann, wenn die Erkältung schon zwei Wochen nicht weg geht, wenn die Mandeln mal wieder dick sind, wenn sie sich fragt, ob sie noch mehr ist als diese Hände täglich verrichten. Sie hat immer Aspirin Komplex dabei, für den Notfall. Denn jeder Krankheits-tag nimmt Maß zwischen sich und der Arbeit. Die Abhängigkeit zu spüren in dem man sie kratzt: Muss der Rücken uns krumm werden? Gehört das dazu? Nein! Und Ja! Das Echte in der Fremdheit zu sich selbst nicht verdecken: Maß zwischen Ansprüchen, die sich an der Tätigkeit bilden, darin liegen auch Erkenntnisse über Stoff und Form der Welt, aber auch Ohnmacht und nicht nur der Rücken, der krümmt, verformt, der weh tut, woran ich denke, wenn ich die Kassiererinnen sprechen höre: „Bis zu 10 Überstunden die Woche“. Und oft die schiefe Entscheidung: ‚Nun gehe ich doch, so schlimm ist es ja nicht...‘. Arbeit ist besser als im schlimmsten Fall kein Einkommen zu haben. Und das Team ist füreinander verantwortlich und dafür, dass es gut läuft.
  • Aber auch Maß nehmen wieviel Abstand nötig ist um Kämpfe zu führen, wieviel Abstand nötig ist, das Gegebene nicht als die einzige Struktur und Organisation für die Tätigkeiten zu sehen, weil es in der Sache liegt mehr darüber zu wissen als man eigentlich sollte und weil es in der Sache liegt Verantwortung dafür tragen zu müssen und zu wollen. Die Abhängigkeit zu spüren in dem man sie kratzt: Muss der Rücken uns krumm werden? Gehört das dazu? Nein! Und Ja! Es ist kein Zufall, dass sich gerade in diesem Beruf wenig Betriebs-räte finden, die soziale Struktur unter den Frauen* besonders stark ist und sie dort suchen, was ihnen die Arbeitgeber*innen versagen. „Wir sind ein super Team!“
  • Die Hand liegt still auf der Kasse, sie ist auch eine schützende Hand. Sie liegt ruhig der Kasse auf, immer dazwischen, zwischen Hast und Last. Und ich lese, dass die kleinste Unstimmigkeit der Kasse zu Kündigung führt. Dann, die Hand hält Formvertraut die Birne. Die Hand nimmt eine Drehung vor und nach dem Scanner. Die Hand mit Armband und Ring. Ehering? Die Erfahrung der Hände jeder einzelnen Ware in Bezug zum Scanner: Eine Handdrehung als die schnellste Bewegung zwischen Band, Scanner, Rollband und der schiefen Ablage. Vermittlung zwischen Mensch, Birne, Maggi, Chips, Brot, Heidelbeeren, Sekt und Machine. Die Hand ist ein Komplexes Werkzeug. Die Hand ist Ware Arbeitskraft. Material und Form, Hand und Körper: Die Hände waren auch Sinnbild für Genialität: Die Hand überträgt Sinn auf das Material, eine alte und neue Sehnsucht.
  • (Zu Wort kommen)

  • Mein Einpacken steht in keinem Verhältnis in punkto Schnelligkeit. Ich überschlage mich, die Hälfte rollt mir wieder aus der Tasche in die Ablage. Ihre Hand liegt. Hinter mir drängende Blicke, wir halten Abstand, es ist Corona. Ich werde konfus von der Schnelligkeit und fühle mich extra langsam. Das schiefe Plexiglas an der provisorischen Halterung schwankt, die Trennung zwischen mir und der Kassiererin. Trennung zwischen Kopf und Rücken. Und wieder nicht. Wir schützen uns, sie schützt sich vor mir, sie wird geschützt vor mir, ich schütze mich auch. Das Licht ist meist sehr grell. Ich lese eine Kassiererin sagen:Die Kunden kommen anders in den Laden als sonst. Manchen merkt man die Angst vor dem Virus an, sie benehmen sich seltsam, berühren nichts, sprechen mit niemandem oder schimp-fen. Manche haben Angst, nicht genug Lebensmittel zu bekommen. Ich beruhige sie dann immer.“

  • In dem Lern-Video von Rewe „Friendlieness at cash desk – smile for you“, erfahre ich, dass das Auftreten der Kassierer*innen ständig überprüft wird, dabei werden Aspekte wie Verhalten, angenehmes Äußeres, Freund-lichkeit und Kundendienst getestet. Ein schlechter Tag, miese Laune und eine Unaufmerksamkeit zum falschen Zeitpunkt können somit im schlimmsten Fall den Job kosten. Der Körper als Ware und der täglichen Öffent-
    lichkeit ausgesetzt. Die Nägel, das Haar, das Make-Up! Vertraute Anforderungen. Schönheit nicht nur zur Zierde, auch Stolz und gegenhalten im täglichen Blick auf die abgewertete Tätigkeit am Fließband.
  • Die Hintertür

    Und d
    as was wir nicht sehen. Der Hinterraum. Die Tätigkeit vor und nach der Kasse. Die Raum- und Selbstfürsorge. Die Rechnung. Die Arbeitskleidung. Die Lappen. Die Hintertür ist beides. Kommen und Gehen. Eintritt und Exit, innen und Außen.

  • Kassiererinnen bekommen zurzeit erhöhte Aufmerk-samkeit und den würdevoll klingenden Titel ,Heldinnen der Krise‘. Sie versorgten uns als system-relevanter Beruf in der ,Corona-Krise‘ und trotz Lock-down täglich mit Waren. Angela Merkel dankte den Kassierer*innen, dass „sie den Laden am Laufen halten“. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kürte sie zu den "Heldinnen
    und Helden des Alltags". Finanzminister Olaf Scholz (SPD) trat für die Steuerbefreiung der Sonderprämien für den Einsatz in der Coronakrise ein. Diese allerdings, setzte sich nur dann durch, wenn die Sonderzahlungen nicht mit dem Gehalt gekoppelt ausgezahlt wurden.
  • In dem Wort Versorgung steckt das Wort Sorge: Kassiererinnen leisten Sorgearbeit. Gleichzeitig wird der Beruf der Kassierer*in in der gesellschaftlichen Wahrnehmung stark mit Abstiegsängsten verknüpft. Interviews in der Presse zeugen von ihrem Arbeitsalltag: „Wir machen alle Überstunden, bestimmt zehn in der Woche“ oder „Der Körper hat nicht mehr mitgemacht“ und „Wir sind ein super Team. Wenn es einem von uns schlecht geht, bauen wir uns gegenseitig auf.“ Der Frauenanteil im Beruf Kassierer*in liegt in Deutschland bei 88%. Kassiererinnen erhalten 7,1% weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen, zudem er, wie in anderen Sektoren der systemrelevanten Berufe, der Care-Arbeit, welche gesellschaftlich zu ca. 70% von Frauen getragen wird, gesellschaftlich am niedrigsten entlohnt wird. So hat die Heldinnenanrufung einen doppelten Boden. Heldin sein bedeutet nicht nur Anerkennung, es ist auch eine Aufgabe und sie zu erfüllen ist an Bedingungen geknüpft. Das aufgeladene Weiblichkeitsbild, dass Selbst- und Fremdanforderung zugleich ist, bleibt im Mythos und der Realität der selbstaufopfernden Kümmererin ambivalent. Zudem zeigt eine eine Studie zu systemrelevanten Berufen in Corona, dass Frauen häufiger von Kurzarbeit und Lohneinschränkungen betroffen waren und der Beruf der Kassier*in auch oft in Schicht- und Teilzeitarbeit strukturiert ist. Damit sind sie auch deutlich häufiger von Alters-Armut betroffen.

Diese Ausstellung findet als Rundgang im digitalen Raum statt.
Zur 
nächsten Arbeit geht es hier entlang: Luise Ritter — ›Berufsbekleidung‹